Para Boccia - Boris Nicolai
11. August 2020 | #Tipps & Tricks

Para Boccia: Eine Rollstuhlsportart «Für fast jede*n»

Diesen Monat wäre Boris Nicolai zu seinen ersten Paralympischen Spielen in Tokyo aufgefahren. Wir unterhielten uns per Videocall mit dem deutschen Nationalspieler. Im Gespräch erzählte er von seiner Faszination für die Lederbälle und warum Para Boccia ein Sport für Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen ist.

Interview mit Boris

Boris, Du konntest Dich an Europa- und Weltmeisterschaften bereits in den vordersten Rängen platzieren. Diesen Monat hättest Du in Tokyo Deine ersten Paralympischen Spiele bestritten. Jetzt wurden sie wegen COVID-19 verschoben. Was bedeutet das für Dich?

Verschoben ist nicht aufgehoben. Ich habe dieses Jahr viel trainiert und hoffe nun darauf, dass ich im August 2021 zu den Turnieren an den Paralympischen Spielen fahren darf.

 

Wie oft trainierst Du denn aktuell und wie organisierst Du Dich mit der Arbeit?

Eigentlich arbeite ich Vollzeit. Für die Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele hatte ich mein Pensum reduziert. Aktuell trainiere ich etwa zehn Stunden pro Woche. Dazu gehören Spiele auf dem Boccia-Feld, Krafttraining und Physiotherapie.

 

Du spielst seit sechs Jahren Para Boccia. Wie kam es dazu?

Ich war schon immer sportlich und konnte trotz Muskeldystrophie noch lange Tennis spielen. Vor sechs Jahren flog ich dann zum Urlaub nach Teneriffa. Im Hotel Mar y Sol – das übrigens toll ist für Rollstuhlfahrer*innen – konnte ich unterschiedliche Sportarten ausprobieren. So kam es, dass Para-Boccia-Trainer*innen fanden, dass ich Talent hätte und ich plötzlich an nationalen und kurz darauf an internationalen Turnieren teilnahm.

 

Wie verläuft eigentlich ein solches Turnier?

Wie bei Boccia (schmunzelt): Es geht darum, seine Bälle möglichst nah am Zielball zu platzieren. Jeder Ball, der näher am Zielball liegt als der des* Gegner*in, wird als Punkt gewertet. Man spielt in vier Sätzen mit je sechs Bällen. Danach steht ein*e Gewinner*in fest oder es gibt ein Tie Break.

Über Boris Nicolai

Boris Nicolai ist 35 Jahre alt und hat eine Muskeldystrophie. Er begann vor sechs Jahren mit dem Para-Boccia-Spiel beim BRS Gersweiler-Ottenhausen e.V.. Der Saarländer zählt heute zu den besten Spielern weltweit und hat sich für die Paralympischen Spiele 2020 qualifiziert. Er ist (noch) kein BRO-Fahrer, war nach seiner Testfahrt aber «total begeistert», wie er selbst sagt.

Und was genau ist anders bei Para Boccia?

Anders als beim üblichen Boccia spielen wir mit Lederbällen auf Hallenboden. Weiter kann man im Einzel, Doppel oder im Team spielen. Je nach Einschränkung spielt man in einer anderen Kategorie.

 

Du spielst in der Kategorie BC4, in der Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen ohne zerebralen Ursprung und ohne Hilfe eines*r Assistent*in starten. Welche Kategorien gibt es noch?

Daneben gibt es zwei Kategorien für Personen mit einer Cerebralparese, deren Koordination stark beeinträchtigt ist. Da ist es erlaubt, zu werfen oder mit dem Fuss zu spielen. In der Klasse BC1 benötigen die Athlet*innen jedoch die Hilfe eines*r Assistent*in, der*die den Rollstuhl richtet oder den Ball angibt. In der Klasse BC2 spielen die, die keine*n Assistent*in benötigen.

Des Weiteren gibt es die Kategorie BC3, bei die die Sportler*innen nicht in der Lage sind, einen Boccia-Ball mit ausreichender Kraft und Koordination zu werfen. Sie dürfen ebenfalls eine*n Assistent*in beiziehen und mit einer Rampe spielen.

 

Kann man also sagen, dass Para Boccia etwas für jede*n mit Gehbehinderung ist?

Klar! Für offizielle Spiele muss man aber gewisse Vorgaben erfüllen. Querschnitte beispielsweise sind erst ab C5 zugelassen.

 

Wie und wo kann ich mit dem Spielen starten?

Überall – das ist ja das Coole daran! Du brauchst nur Lederbälle zu kaufen und kannst gleich mit dem Spielen starten. Ich spiele oft zwischen Flur und Küche. In der Schweiz ist der Sport leider noch eher unbekannt. Hier kann man sich an die Schweizer Paraplegiker Vereinigung wenden.

In Deutschland gibt es viele Boccia-Vereine. Dort gibt es meist die Möglichkeit, Halb-Boccia – also mit Personen ohne Behinderung – zu spielen. Am besten recherchiert man in den sozialen Medien, dort findet man Gruppen, Spieler*innen und Trainer*innen unter #paraboccia.