Fotos im Beitrag: Anika Danielle Wagner
Barrierefrei feiern im Rollstuhl: Felizes Erfahrungen
Das Berghain in Berlin gilt für viele als legendärer Mythos – berühmt für seine strenge Türpolitik und die unzähligen Geschichten, die sich um den Club ranken. So exklusiv der Club für die meisten ist, für Felize Fiedler als Rollstuhlfahrerin bietet er einen Raum gelebter Inklusion. In diesem Beitrag blicken wir in ihre persönlichen Erfahrungen auf Clubbesuchen, Festivals und Konzerte. Sie berichtet von den Barrieren, die sie noch immer erlebt, von Momenten, in denen inklusive Konzepte greifen, und von der Rolle moderner Technologien wie dem Scewo BRO, die ihr Selbstbestimmung und Freiheit beim Feiern ermöglichen.
Barrieren beim Feiern
Wenn Hindernisse das Erlebnis dämpfen.
Für Rollstuhlfahrer*innen wie Felize ist das Feiern-gehen meist mit sorgfältiger Planung verbunden. Auf Festivals und Konzerten bestimmen häufig räumliche und organisatorische Barrieren das Erlebnis. Schon die Anreise kann zur Herausforderung werden, etwa wenn Shuttles nicht rollstuhlgerecht sind. Vor Ort erschweren unebene Böden, Stufen oder weit entfernte barrierefreie Toiletten die Fortbewegung und die aktive Teilnahme am Geschehen – Probleme, die sich mit durchdachten Konzepten vermeiden ließen.
«Ein gelungenes Event bedeutet für mich vor allem, dass ich Spaß haben und mich als Teil der Menge fühlen kann», erklärt Felize. Doch selbst Maßnahmen, die eigentlich der Inklusion dienen sollen, können dabei kontraproduktiv sein. So bieten beispielsweise Rollstuhl-Tribünen eine gute Sicht auf die Bühne, nehmen den Gästen im Rollstuhl jedoch die Möglichkeit, wirklich mitten im Geschehen zu sein. Eher würde man regelrecht «abgestellt» werden, so Felize.
Flaschen, die unachtsam unter den Rollstuhl gestellt werden, oder die Frage, ob eine Jacke auf Felizes Rollstuhl abgelegt werden kann, zeigen, dass das Bewusstsein noch weiter wachsen muss. Gleichzeitig begegnet Felize diesen Momenten mit Humor und kontert mit einem Augenzwinkern: «Ein integrierter Kleiderhaken wäre ja mal etwas, das Scewo ans Design-Team weiterleiten könnte.»
Wenn Inklusionskonzepte greifen
Was das Berghain richtig macht.
«Inklusion und Diversität bedeuten für mich, allen Personen die besten Möglichkeiten zu bieten, an Events teilzunehmen», erzählt Felize. Wirklich gelingen könne das nur, wenn Menschen mit besonderen Bedürfnissen aktiv in den Organisationsprozess eingebunden werden und Veranstalter*innen sich offen und aktiv mit neuen Inklusionskonzepten beschäftigen.
Für Felize ist das Berghain ein Beispiel dafür, wie Inklusion funktionieren kann, wenn sie ernst genommen wird. Barrierefreie Toiletten, Aufzüge zwischen den Floors und zugängliche Tanzflächen schaffen hier gelebte Teilhabe. Noch wichtiger aber ist für sie die Haltung der Menschen dort: «Vielleicht liegt es an der strengen Door- und der No-Phone-Policy, aber ich habe das Gefühl, dass dort jeder so sein kann wie er ist oder auch einfach mal in eine andere Rolle schlüpfen kann», erzählt sie. Im Berghain gehe es einzig um das, was verbindet – die Musik, das Tanzen, das gemeinsame Erleben. Und dann fügt sie mit einem Schmunzeln hinzu: «Was im Berghain passiert, bleibt auch im Berghain.»
Scewo BRO
Felizes treuer Begleiter.
Der treppensteigende Rollstuhl Scewo BRO ist stets an Felizes Seite, wenn sie feiert. Mit ihm kann sie sich völlig selbstständig und komfortabel zwischen Floors oder über Festivalgelände bewegen. Besonders der integrierte Sitzlift macht für sie zwischenmenschlich einen großen Unterschied: «So bin ich einfach mit allen anderen auf derselben Höhe und muss nicht immer in die Front Row, wenn ich etwas sehen möchte.» Auf Augenhöhe zu sein, sagt sie, verändere dabei nicht nur ihre Erfahrung, sondern auch, wie andere sie wahrnehmen.
Mit BRO benötigt sie keine Unterstützung beim Schieben, keine Abhängigkeit von Aufzügen, die vielleicht gerade nicht funktionieren. Die Treppensteigfunktion erlaubt es ihr, Stufen oder Treppen spontan eigenständig zu überwinden – auch wenn sie zugibt, dass das jedes Mal noch ein kleines bisschen Mut erfordert.
Dass ihr BRO Aufmerksamkeit erregt, erlebt Felize regelmäßig, sei es tagsüber auf den Straßen Berlins oder abends im Club. Menschen bleiben stehen, fragen nach, sind beeindruckt vom futuristischen Design. «Lustigerweise hat mich im Berghain mal jemand gefragt, ob mein Rollstuhl eine KI sei», erzählt sie. Für Felize ist BRO längst mehr als ein Rollstuhl, sondern ein zuverlässiger Begleiter, der ihr Freiheit, Spontaneität und Teilhabe ermöglicht.
Mut zur Sichtbarkeit
Traut Euch mehr!
Ob man wolle oder nicht, man ziehe als Rollstuhlfahrer*in immer mal wieder den ein oder anderen Blick auf sich, so Felize. Doch für sie ist das kein Grund, sich zurückzuhalten – im Gegenteil. «Anders zu sein bedeutet nach meinem Verständnis nicht, sich verstecken zu müssen.» Sie möchte andere Rollstuhlfahrer*innen ermutigen, präsent zu sein und sich nicht vom Gedanken an mögliche Hürden abhalten zu lassen. «Traut euch mehr!», sagt sie. Nur durch Präsenz könne sich auch gesellschaftlich etwas verändern.
An Veranstalter*innen richtet Felize einen klaren Appell: Offenheit und der Wille, neue Wege zu denken, sind entscheidend, wenn Inklusion wirklich gelebt werden soll. «Seid offen und habt ein agiles Mindset. Schafft Plätze, die uns nicht wie Menschen zweiter Klasse wirken lassen, und denkt Konzepte so, dass wir wirklich Teil der Menge sein können.» Echte Inklusion beim Feiern entsteht nicht allein durch Rampen oder Tribünen, sondern durch Dialog, Bewusstsein und den Mut, den Status Quo gemeinsam zu hinterfragen. Oder wie Felize es formuliert: durch ein bisschen mehr Offenheit und die Bereitschaft, sich aktiv mit Betroffenen auszutauschen.
Betroffenen legt sie zu guter Letzt ans Herz, sich nicht entmutigen zu lassen. Eine gute Vorbereitung kann helfen – ein kurzer Blick auf die Location, mögliche Begleitung, barrierefreie Wege. Auch wenn etwas mal nicht perfekt läuft, zählt für sie das Erlebnis selbst: «Letztendlich ist das Leben doch da, um gelebt zu werden, und ist es nicht schlimmer, Dinge zu bereuen, aus Angst und Zweifel nicht getan zu haben?»
